28
Jul
10

Kurze Anmerkung über die Schule

Prof. Dr. Peter Struck, Erziehungswissenschaftler aus Hamburg hielt 2007 eine Rede im Deutschen Hygienemuseum. Darin sagte er u.a.:

…heutzutage lernen Kinder außerhalb der Schule etwa hundert Mal so viel wie innerhalb der Schule und da kann man auch ganz beruhigt sein, weil sie außerhalb der Schule viel Unnützes, Unwichtiges, Falsches und Schädliches lernen. Aber er sagt auch: das Nützliche, was Kinder außerhalb der Schule lernen, ist heute immer noch 20 Mal so viel wie das, was die Schule zustande bringt. Und er sagt: das Wichtigste, was Kinder lernen, lernen sie zum Glück, bevor sie in die Schule kommen. Nämlich das Laufen und das Sprechen. Und er sagt: würde man die Schulen damit beauftragen, Kindern künftig auch das Laufen und das Sprechen beizubringen, dann man müsste man sich auf ganz schlechte Ergebnisse gefasst machen. Weil die Schulen versuchen würden, den Kindern das Laufen im Sitzen beizubringen.

Treffender kann man`s kaum sagen!

16
Jul
10

Polizeigewalt: Nicht systematisch? – Eine Kritik an Amnesty Internationals Kampagne „Mehr Verantwortung bei der Polizei“

Amnesty International hat diese Woche die Kampagne Mehr Verantwortung bei der Polizei ins Leben gerufen. Ich habe darüber bereits berichtet. Sie macht mit jener Aktion auf die Polizeigewalt in Deutschland aufmerksam und betont hierbei, dass Polizeigewalt strafrechtlich kaum geahndet wird. Polizisten werden kaum für ihre Verbrechen bzw. ihre Menschenrechtsverletzungen zur Verantwortung gezogen, so Amnesty. So bemüht sich jene NGO im Endeffekt um politische Forderungen, wie z.B. die Kennzeichnungspflicht für Polizisten oder um  unabhängige Untersuchungen, um Forderungen, die nicht neu sind, aber immer wieder gefordert werden müssen, da sie häufig unter dem Tisch fallen. Weiterhin fordert Amnesty mehr Menschenrechtsbildung bei der Polizei. Fraglich bleibt, warum eine Menschenrechtsbildung erst bei der Polizei stattfinden sollte. Sie muss, denke ich, viel früher beginnen, v.a. in der Schule. Hier ist v.a. der Ethikunterricht gefragt bzw. der Unterricht in politischer Bildung, Sozialkunde oder  Geschichte. Die Forderung nach mehr Überwachung durch Aufzeichungen im Polizeigewahrsam unterliegt einem Dilemma. Einerseits könnte so Polizeigewalt besser strafrechtlich geahndet werden, andererseits ist die ständige Aufzeichung aller Vorgänge im Polizeigewahrsam nicht nur datenschutzrechtlich, sondern v.a. auch menschenrechtlich bedenklich.  Hier gibt es Ansatzpunkte für Kritik, die ich aber nicht weiter ausführen möchte.

Viel eher möchte ich darlegen, was mich in der Kampagne stört. Sie wirkt auf mich stark reaktionär, v.a. werfe ich ihr vor, sich nicht gründlich mit dem Phänomen der Polizeigewalt auseinandergesetz zu haben, insb. nicht mit den Ursachen dieser. So behauptet Amesty in seinen Argumenten:

Rechtswidrige Polizeigewalt geschieht in Deutschland nicht systematisch.

und

Dennoch ist jeder Einzelfall ein Einzelfall zu viel.

So suggeriert Amnesty, Polizeigewalt sei quasi jeweils ein Ausrutscher individueller, gewaltbereiter Polizisten, hinter der Polizeigewalt steckt keine Struktur.

Dem muss verhement wiedersprochen werden. Hinter der Polizei steckt das Strafrechtssystem. Schaut man sich die Polizei an, ist ein Blick in die Struktur des Strafrechts unausweichlich. Die Frage ist: Liegt die Quelle der Polizeigewalt im Strafsystem?

Günter Jakobs hat auf diese Frage bereits 1985 in seinem Essay Kriminalisierung im Vorfeld der Rechtsgutverletzung (Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft 97 (1985), S. 751-785) eine diskussionswürde Antwort gegeben.Darin heißt es, so Wikipedia,..

…dass derjenige, der die staatliche Rechtsordnung bewusst ablehne oder sie sogar zerstören wolle, seine Rechte als Bürger und als Person verliere und deshalb vom Staat mit allen Mitteln bekämpft werden dürfe. Der Terrorist, der die herrschende Gesellschaftsordnung stürzen wolle, der Gewohnheitsverbrecher, der alle staatlichen Gesetze ignoriere oder das Mafia-Mitglied, das nur nach den Regeln seines Clans lebt, seien „Unpersonen“ und dürften nicht als Bürger behandelt werden. Vielmehr seien sie als „Feinde“ zu bekämpfen.

Jemanden als „Feind“ zu bekämpfen heißt logischerweise, körperliche Gewalt oder psychische Folter gegen ihn anzuwenden. Und in der Folge Menschenrechtsverletzungen in Kauf zu nehmen, mit der Begründung, jene Menschenrechtsverletungen seien logisch notwendig oder unausweichlich, um die Sicherheit des Bürgertums im Staat durch die gewalttätige Bekämpfung oder psychische Destablisierung der Feindesgruppe zu gewährleisten.

Genau jene strukturelle Argumention finden wir in der Polizei, in Innenministerien und in konservativen Parteien wieder. Und jene systemische Argumentation geht weit weg von der Amnestys, Polizeigewalt seien Einzelfälle irgendwelcher irrer Polizisten. Im Gegenteil: Polizeigewalt wird strafrechtlich und daher strukturell gerechtfertigt und hat im System des Feindesstrafrechts seinen Ursprung.

Besondere Gruppen in der Gesellschaft, z.B. „junge Männer mit Migrationshintergrund“ oder „jugendlich wirkende Autonome“ und im Jargon der Polizei sogenanntes „Klientel“ gelten im System der Justiz, im System der Polzei, im System vieler konservativer Parteien aufgrund „kriminalisitscher Erfahrung“, d.h. lediglich aufgrund von pauschalen Vorurteilen und einseitigen, unwissenschaftlichen Interpretationen von kriminalistischen Studien und Ermittlungen, zu den „Feinden der Gesellschaft“, als „Bedrohung“ und „Gefahr“ für die „Bürger“, gegen die „hart vorgegangen werden muss“ und gegen die daher unmenschliche „Zwangsmaßnahmen“ gerechtfertigt sind. Die feindstrafrechtlich relevanten Personen werden also im Feindstrafrecht kollektiv betrachtet, entpersonalisiert und die Individualität des Einzelnen, als Bürger bzw. Mensch mit Rechten, Ansrüchen und Bedürfnissen tritt in den Hintergrund.

Gewalt ist also nur die Spitze des Eisbergs. Es gibt weit mehr Methoden der Polizei, der Justiz und der Politik, „Feinde“ der Gesellschaft zu bekämpfen. Dazu gehört z.B. der Anfangsverdacht, jene betroffene Person könnte Staftaten begangen haben. Es ist ein Anfangsverdacht, der lediglich mit der Zuschreibung zu einem „Klientel“ begründet wird, zu einem Klientel, das aufgrund von „kriminalistischer Erfahrung“, d.h. aufgrund von einseitigen, rein kriminalistischen Studien,  generalverdächtig zu sein scheint.

Fazit: Ich kritisiere die Aussage Amnestys, Polizeigewalt wäre nicht systematisch und es handle sich um „Einzelfälle“ Weniger. Damit wird eine Polizeigewalt stark individualisiert und Strukturen und Ursachen der Polizeigewalt, insb. im Strafsystem werden nicht hinterfragt und das Feindstrafrecht als Ursache ignoriert. Ich sage: Ursachen klären, statt die Wirkung! Das Problem ist weniger die Polizeigewalt als Sympton, als das System des Strafrechts, das vom Feindstrafrecht wieder zum Bürgerstrafrecht reformiert werden muss und besondere Gruppen, d.h. Minderheiten wieder als Bürger einer pluralen Demokratie verstehen muss und nicht nur als Mitbürger, sondern als Menschen mit Menschenrechten begreifen muss, die man nicht als Feinde oder als Bedrohung mit Gewalt betrachten oder bekämpfen muss. Dazu ist es v.a. nötig, Ängste und Verachtung gegen jenen Minderheiten in den Institutionen  Polizei, Gericht etc… zu überwinden und das Prinzip der Individualität und das der Resozialisierung des Einzelnen mit seinen Bürger- und Menschenrechten wieder in den Vordergrund in der Betrachtung des Strafrechts zu rücken. Jeder ist für seine Handlungen selbst veranwortlich, unabhängig davon, woher er kommt oder welcher Gruppe er angehört. Dieser aufgeklärte Gedanke muss wieder Einzug in das Denken der Polizei finden.

So wird die Polizeigewalt an der Wurzel, an der Ursache gepackt. Amnesty bemüht sich dagegen zu sehr um Symptome, als um Ursachen. Amnesty bemüht sich zu wenig um die Hintergründe der Polizeigewalt im System des Strafrechts. Damit kratzt Amnesty also zu sehr an der Oberfläche des Phänomens Polizeigewalt.

Trotzdem muss Amnesty Respekt ausgesprochen werden, immerhin schweigt die bemerkenswerte und zu Unrecht viel zu wenig beachtete NGO nicht zu jenem Problem der Gewalt. Sie holt das Problem der Polizeigewalt hervor, sodaß es nicht mehr von konservativen Menschen unter der Teppich gekehrt werden kann. Ohne Amnesty wäre auch jener Text hier nie veröffentlicht worden. Und Amnestys Kampagne wird weitere Texte und Diskurse auslösen. In dem Sinne hat Amnesty eine Welle bewirkt, die hoffentlich weite Kreise ziehen wird und Reformen im Strafrecht auslösen wird oder Verhärtungen des Feindstrafrechts verhindern wird. Mögen wir jene Hoffnung nie aufgeben.

© Copyright bei Udo Lihs, 2010

16
Jul
10

Mehr Verantwortung bei der Polizei – Eine Aktion von Amnesty International

Amnesty International hat diese Woche die Kampagne Mehr Verantwortung bei der Polizei ins Leben gerufen. Hierzu schreibt die NGO u.a.:

Amnesty International ist überzeugt, dass die große Mehrheit der Polizisten in Deutschland sehr gute Arbeit unter zum Teil sehr schwierigen Bedingungen leistet.

Polizisten sind berechtigt, im Dienst Gewalt anzuwenden – und verpflichtet, die Menschenrechte zu achten. Tun sie das nicht, ist der Staat in der Pflicht, umgehend und umfassend aufzuklären. Doch hier liegt das Problem. Deshalb fordert Amnesty International mehr Transparenz und Verantwortung bei der Polizei – und nennt überzeugende Argumente.

„Nichts zu verbergen“: Dieser Anspruch muss in Deutschland gelten, wenn es darum geht, Polizisten wegen übermäßiger Gewaltanwendung oder Misshandlungen zur Rechenschaft zu ziehen. Doch meist bleiben die „Täter unbekannt“. Das belegt der neue Bericht „Täter unbekannt – Mangelnde Aufklärung von mutmaßlichen Misshandlungen durch die Polizei in Deutschland“ von Amnesty International.

Ähnlich wie in anderen Berichten zu Polizeigewalt dokumentiert die Menschenrechtsorganisation, dass auch in Deutschland Misshandlungsvorwürfe gegen Polizisten häufig nicht umfassend und unparteiisch untersucht werden. Ermittlungen verlaufen oft schleppend oder im Sande. Verfahren scheitern teilweise schon daran, dass die Polizisten, die strafbare Handlungen begangen haben, nicht identifiziert werden können.

Rechtswidrige Polizeigewalt geschieht in Deutschland nicht systematisch. Dennoch ist jeder Einzelfall ein Einzelfall zu viel. Transparenz schützt Menschenrechte. Deswegen fordert Amnesty in der neuen Kampagne zu „Mehr Verantwortung bei der Polizei“:

Wir brauchen Erkennbarkeit durch eine individuelle Kennzeichnungspflicht für Polizisten:

null

Wir brauchen Aufklärung durch unabhängige Untersuchungen.:

null

Wir brauchen Schutz durch Dokumentation:

Und Prävention durch Menschenrechtsbildung:

null

Wie in anderen Ländern auch.

Machen Sie die Forderungen von Amnesty International auch zu Ihren Forderungen!

Demonstrieren Sie online mit!

02
Mrz
10

Social Networking in Schulen? – Eine Replik auf Sascha Lobo

In einem Artikel in der aktuellen Ausgabe der Wirtschaftswoche beschreibt Blogger, Autor und Strategieberater Sascha Lobo die Vorteile des Social Networkings, wie er z.B. auf Facebook oder Twitter betrieben wird, für die Wirtschaft. Diese lägen nicht nur darin, dass Unternehmen in ihnen ihre Produkte platzieren, bewerben oder verkaufen können, sondern vor allem in der Vernetzung an sich, da sie Gemeinschaft und Anerkennung fördern, kurzum: Die Vorteile liegen im Sozialen. Wollen Firmen heute erfolgreich sein, sollten sie in ihren Produkten Möglichkeiten der sozialen Vernetzung implementieren. Lobo betont:

Erst die soziale Vernetzung und die dazugehörende Anerkennung – das soziale Kapital – machen sie erfolgreich.

Als Beispiel nennt Lobo das Produkt „Iphone“ aus dem Hause Apple. Im Gegensatz zu jedem weiteren Smartphone besaß das Iphone zur Zeit seiner Einführung als einziges Gerät einen App-Store. Somit konnten Entwickler das Iphone mit Zusatzprogrammen (Apps) ergänzen, aber nicht für sich allein, wie der PC-Experte, der seinen persönlichen Computer aufrüstet, sondern teilweise kostenlos für alle Interessierten. Diese Idee fördert Gemeinschaft und zwangsläufig Zugehörigkeit zu Apple. Im Rahmen dieser Gemeinschaft bekommt der Entwickler Anerkennung von Anderen (durch Bewertungen im App-Store). Da das Iphone Gemeinschaft und Anerkennung befördert, ist das Iphone ein Sozialprodukt und als Sozialprodukt erfolgreich. Auch der Erfolg von Wikipedia kann mit der These begründet werden, dass jeder, der Zugang zum Internet hat, Lexika-Artikel bearbeiten kann und so zum Producer von Wissen im der Gemeinschaft Vieler wird. Gerade für Wissensmanagement-Systeme (Lexika,…) sei die Implementierung von Vernetzung wertsteigernd. Systeme, in denen jeder sein Wissen einbringen kann, fördern Gemeinschaft und Anerkennung und sind so aufgrund ihrer besagten Sozialität erfolgreicher, als Systeme, über die man nur Wissen konsumieren und ggf. im Stillen, im Individuellen für sich reflektieren kann, womit man ggf. überfordert ist, insofern man jenes Wissen in seinem stillen Kämmerlein nicht versteht.

Fazit: Gute Wissensmanagement-Systeme können daher als gut bzw. wertsteigernd und zwangsläufig als erfolgreich bezeichnet werden, insofern sie soziale Vernetzungen implementieren und so Gemeinschaft und Anerkennung herbeiführen.

Ist die Schule im Grunde nicht auch ein Wissensmanagement-System? Es wäre fatal, die Schule als Unternehmen auf dem Markt zu bezeichnen. Tatsächlich ist die Schule eine Bildungseinrichtung, in der Wissen vermittelt und reflektiert wird, ohne Erkenntnisse am Ende zu veröffentlichen oder zu vermarkten (wobei man sich fragen könnte, ob es nicht ggf. einen Markt für Schüleraufsätze geben könnte, was hier aber nicht vertieft werden kann). Trotzdem ist Vermittlung und Reflexion von Wissen im Grunde Wissensmanagement. Wissen wird in der Schule zusammengefasst (wie in Lexika), in Aufsätzen erörtert, kommentiert oder kritisiert (wie in Zeitungen oder Magazinen) oder in Vorträgen und ggf. mit der Zuhilfenahme von Visualisierungen (Mind-Maps, Plakate,…) referiert und präsentiert (womit Schüler nichts anderes tun, als Leute, die ihre Produkte in Firmen präsentieren oder ihre Ideen referieren).

Seit Jahrhunderten streiten sich Pädagogen, wie jene Wissensvermittung in dem Sinne als wertvoll bzw. als gut betrachtet werden kann, sodaß Schüler am Ende mehr wissen, als vorher. Um jene Frage herum hat sich gar eine große Wissenschaft herausgebildet: Die Didaktik. Leider ging man aber in jener Didaktik weg von der Frage des Wie, hin zu der Frage des Was. Lange wurde debattiert, was Schüler wissen müssten, was nicht bzw. was sie bräuchten, was nicht. Diese Situation führte dazu, dass Pädagogen und gar Nicht-Pädagogen sich bis heute streiten, was Schüler wissen sollen. Jener Streit wird insb. in der Debatte um Ethik- oder Religionsunterricht deutlich, in der Ethiker, Aufklärer und sonstige humanistisch geprägte Erwachsene betonen, Schüler bräuchten v.a. ein Grundwissen über Theorien der Philosophie und des Philosophierens, Wissen über Religionen sei zweitrangig. Es ist verständlich, dass religiös geprägte Menschen hier sich irritiert fühlen und Religionsunterricht als Allgemeinbildung verstehen. Naturwissenschaftler halten gegen beide Geisteswissenschaften und fordern den Ausbau von Biologie, Physik oder Chemie. Germanisten beklagen den „Verfall der deutschen Sprache“ und fordern Sprachförderung, insb. für Migranten und überhaupt soll Schülern die Vorzüge der Literatur nahe gebracht werden. Kurzum: Die Debatte um das Was ist immer eine Debatte um das, was soll. In der Entscheidung um das was soll projizieren Erwachsene ihre Eigeninteressen über die Interessen und Bedürfnisse der Schüler hinweg. Diese Ignoranz der Interessen und Bedürfnisse Schüler ist zutiefst unsozial, insb. wenn Kinder verpflichtet werden, zu wissen, was sie wissen sollen. Würde man jene Debatte in der Marktwirtschaft im gleichem Maße führen, würden Unternehmen sich stets bekriegen, was Kunden kaufen sollen. In Berlin wäre es Pflicht, Kant zu kaufen, der Kauf der Bibel wäre hingegen freiwillig. Es wäre Pflicht, jede Woche ein Text von Goethe zu kaufen und ihn zu interpretieren. Solch ein totalitärer Markt würde Entrüstungen und Beschimpfungen ausgesetzt sein. Er würde der Idee der freien Marktwirtschaft grundlegend widersprechen. So frage ich mich: Warum wundern wir uns dann, wenn Kinder die Verpflichtung, Kant zu lesen oder Goethe zu interpretieren, „scheiße“ finden?

Ich möchte Sascha Lobos Worte in Erinnerung rufen: Ein gutes Wissens-Managementsystem setzt auf das Soziale. Das Soziale fördert Gemeinschaft und Anerkennung. Tatsächlich ist das Soziale für Kinder und Jugendliche höchst wichtig. In allen Befragungungen sagen Kinder und Jugendliche, dass Freundschaft für sie der wichtigste Wert sei. Freundschaften zu pflegen, in Kontakt mit Freunden zu bleiben, sich stets mit Freunden über Erfahrungen auszutauschen ist das, was Kinder und Jugendliche stets tun und gerne tun. So sind sie Nutznießer von sozialen Netwerken, wie z.B. Jappy oder Schüler-VZ . Es ist mir ein Rätsel, warum das Soziale, warum die Vernetzung unter Schülern für die Bildung in der Schule so lange und so selten nicht genutzt wurde und nicht genutzt wird? In Schulen könnten Schüler in Gruppenarbeiten, oder besser noch: in Projekten, ihr Wissen mit ihren Freunden vernetzen. Dabei könnte Wissen nicht nur verglichen, diskutiert und reflektiert werden. Es würde sich schließlich bei jedem Einzelnen durch die Inspiration des Anderen erweitern. Unabhängig davon könnten Schule und Schüler sich mit Experten außerhalb der Schule sich vernetzen und könnte diese kennenlernen und von ihnen lernen, insofern sie für den Unterricht relevant sind. Es ist nicht sinnvoll, von Schülern zu fordern, sie sollten sich z.B. Wissen über das Christentum aneignen und ihnen gleichzeitig aufgrund der Schulbesuchspflicht den Zugang zu Priestern, Pfarrern oder zu sonstigen Erwachsenen, Jugendlichen oder Kindern, die dem Christentum angehören, von denen man viel erfahren und lernen könnte, zu verweigern. Es wäre auch nicht sinnvoll, Schülern den Zugang zu Kritikern des Christentums, z.B. zu Atheisten, vorzuenthalten. Noch sinnloser ist es, wenn Kinder keine Chance bekämen, über das Christentum untereinander und miteinander zu diskutieren. Insofern die Lehre des Christentums rein über Schulbücher oder über ein Fachlehrer vermittelt wir, insofern sie die Komplexität der Erfahrungen in der sozialen Realität nie abbilden können, insofern Wissen nicht in der Gruppe diskutiert und somit sozial reflektiert wird, so kann man sich fragen, ob die simple, frontale und unsoziale Vermittlung überhaupt etwas mit Lernen zu tun hat.

Schüler würden über die Idee der Vernetzung untereinander bzw. über die Idee der Vernetzung mit Experten, mehr Inspirationen, Ideen und Erfahrungen bekommen, würden diese im Austausch tiefer reflektieren und so ein fundierteres Wissen sich aneignen, als durch die bedenkliche frontale und gleichschrittige Vermittlung von Wissen über eine Fachkraft (Lehrer) oder über ein Fachbuch (Schulbuch). Vor allem, wenn jenes Wissen des Lehrers oder wenn jenes Wissen des Schulbuches von den Schülern im Sozialen, in der Gruppe nicht diskutiert, nicht hinterfragt, nicht reflektiert wird, haben wir es im Grunde mit der Gefahr zu tun, dass Schule ihren Sinn verliert: Ihren Bildungsauftrag.

Daher kann ich zusammenfassend sagen: Soziale Vernetzung (Social Networking) basiert auf dem Bedürfnis des Menschen nach Gemeinschaft und Anerkennung. Es ist nicht nur so, wie Sascha Lobo sagt, dass sich Produkte erfolgreicher verkaufen lassen, die Vernetzungsmöglicheiten und somit Chancen auf Gemeinschaft und Anerkennung in sich implementieren. Es ist ferner so, dass jede Einrichtung, in der soziale Vernetzung stattfindet, in der also auf das Bedürfnis des Menschen nach Gemeinschaft und Anerkennung Rücksicht genommen wird, als wertvoll und gut betrachtet werden kann im Gegensatz zu Einrichtungen, in denen über Beteiligten hinweg gedacht, entschieden und gehandelt wird. Insofern daher eine Schule, statt über die Bedürfnisse der Schüler hinweg sich zu fragen, was Schüler brauchen, auf das Interesse der Schülerschaft, sich nach innen und nach außen sozial zu vernetzen Rücksicht nehmen würde, so könne sie als soziale und somit als wertvolle Schule betrachtet werden, in der Schüler ihr Wissen reflektieren, mit Anderen vergleichen, erweitern, und diskutieren können, womit die Schule ihrem Bildungsauftrag gerecht werden würde.

In dem Sinne würden Schüler durch ein „Learning by Doing“ schließlich Soziale Kompetenzen ausbilden, die sie wiederum später auf dem Arbeitsmarkt und im Geschäftsleben einbringen können, um, wie Lobo es fordert, sozial kompetent Produkte an den Mann oder an die Frau bringen zu können.

© Copyright bei Udo Lihs, 2010

27
Feb
10

Warum verhalten wir uns so, wie wir uns verhalten? Und ist das gut so?

Warum verhalten wir uns so, wie wir uns verhalten? Während Anhänger der „geistigen Autonomie“ die Idee des „freien Willens“ betonen, die Idee, dass unser Verhalten persönlichen, frei gewählten Entscheidungen entspricht, die wir stets kraft unseres „freien Willens“ treffen, betonen Anhänger der „Determination“, dass alles und somit unser Handeln von Ursachen abhängt, von Strukturen, die uns umgeben. Pädagogen behaupten, unser Verhalten ist das Produkt der Erziehung durch Eltern, Schule, Staat und Gesellschaft. Soziologen sagen, unser Verhalten ist das Resultat von Sachzwängen der Gesellschaft, Biologen und Mediziner behaupten, unser Verhalten wird von Genen, vom Hirn, von Hormonen (insb. bei Jugendlichen), von der Ernährung (insb. wenn wir Alkohol oder Drogen zu uns nehmen), kurz: vom Körper, gesteuert.

Psychologen sagen gelegentlich, daß wir uns von Gruppen, die uns umgeben, beeinflussen lassen und zwar dahingehend, dass wir uns der Gruppe und ihrem Verhalten anpassen.  Wir verhalten uns so, wie die Gruppe um uns herum. Was zwangsläufig heißt, dass wir keine Einzelgänger, sondern Herdentiere sind. Das heißt im Endeffekt, dass Individualität eine Illusion ist, wie der freie Wille überhaupt. Somit ist das Ideal der Aufklärung,  sich seines eigenen Verstandes ohne Anleitung Anderer zu bedienen, eine Illusion. Ist es so?

Roland Kopp-Wichmann geht mit jener These der Anpassung einher, wenn er auf persoenlichkeits-blog.de schreibt:

Danach achten wir genau darauf, was andere tun und richten danach oft unser Verhalten aus.

…oder wenn er schreibt:

Stellen Sie sich mit zehn Freunden in die Fußgängerzone und schauen Sie in den Himmel. Viele Leute werden es Ihnen gleichtun …

Kopp-Wichmann geht davon aus, dass man so Gutes tun kann. Man braucht nur eine Gruppe von Menschen, die Gutes tut und (fast) jeder um die Gruppe herum spielt mit. Wie schön, wenn es so einfach wäre! Ist es so? Ist der Mensch ein Herdentier? Und wenn ja: Ist das gut so?

Tatsächlich hat Roland Kopp-Wichmann teilweise Recht. Tatsächlich ist es oft (!) so, dass wir uns oft (!) an Gruppen, an Massen anpassen, insofern sich jene Anpassung bewährt hat. Im Restaurant verhalten wir uns so, wie alle sich im Restaurant verhalten. Das Gleiche gilt für alle weiteren öffentlichen Einrichtungen, wie z.B. im Kino (in dem wir alle still sind und in dem keiner redet, obwohl man ggf. gerne den Kinofilm kommentieren würde, wie man das zuhause mit Freunden vor dem Fernseher tut), im Bus (in dem man sich mit Freunden nicht unterhält, weil im Bus keiner was sagt, obwohl man sich sonst mit den Freunden rege austauscht), im Fußballstadion (in dem alle gröhlen und singen, in dem es unpassend wäre, nicht mitzugröhlen und nicht mitzusingen), oder im Schwimmbad (in dem jeder in Textil schwimmt, weil alle das tun, während am FKK-Strand alle nackelig im Wasser sich bewegen). Es wäre nicht immer ratsam, als Einzelner das Gegenteil von dem zu tun, was alle tun. In der Regel gilt man dann als Außenseiter, als Querulant, als jemand, der im Grunde stört, weil man „anders“ ist, weil man „nicht normal“ ist. Dabei könnte man als Einzelner ggf. gar verhaftet werden (z.B. wegen Hausfriedensbruch, Störung der öffentlichen Ordnung, Erregung öffentlichen Ärgernisses…). Es wäre „ziviler Ungehorsam“ und jener ist wirklich nicht immer sinnvoll und nicht immer effektiv, v.a. wenn man diesen als Einzelner vollzieht. Es ist wahrlich ein „beschissenes“ Gefühl, so „alleine“ mit sich zu sein und eine ganze Gruppe gegen sich zu haben, von Allen ausgrenzt und von der Polizei abgeführt zu werden.

Müssen wir uns also immer anpassen, um gute Menschen zu sein?

Bei Kopp-Wichmann geht unter, dass jene Anpassungsleistung

a) gefährlich sein könnte; Die unreflektierte, kritiklose Übernahme des Verhaltens der Gruppe, die uns umgibt, ist unter dem Gesichtspunkt des Politischen eine Form der Unterordnung und führt, insofern sie ganze Gesellschaften oder Staaten betrifft, zur Entindividualisierung des Einzelnen. Dies hat uns der Film „Die Welle“ stark vor Augen geführt. Die Bildung von Gruppen, in der sich jeder Einzelne an das Verhalten der Gruppe anpasst, steht im Widerspruch zur Demokratie und Freiheit, in der jeder seine Stimme erheben darf, in der jeder sein Veto einlegen kann und zwar jeder Einzelne. Das Prinzip „Anpassung“ sollte daher nicht prinzipiell angestrebt werden. Man kann mit dem Prinzip der Anpassung zwar Gutes, wie Kopp-Wichmann sagt, betreiben, sehr wohl aber auch Böses und Schreckliches.

Bei Kopp-Wichmann geht unter, dass die Leistung der Anpassung

b) dann nicht mehr funktioniert, wenn der Einzelne durch die Möglichkeit der Anpassung an die Gruppe keine Vorteile für sich (z.B. Verlust von Geld,…) oder moralische oder politische Ungrechtigkeiten sieht. Dann geht er auf Distanz zur Gruppe, ignoriert sie, umgeht sie und geht auf Abwehr zu ihr. Ein Schutzmechanismus! Wir passen uns nicht an, wenn unser Gewissen „Nein“ sagt. So ist es z.B. nicht so, dass jeder Einzelne sich an eine Demonstration von Nazis anschließt, nur weil eine Gruppe von Nazis an ihm vorbeimarschiert. Es ist auch nicht so, dass jeder am 1. Mai in Kreuzberg Steine gegen Polizisten schmeißt, nur weil eine Gruppe von Linksradikalen dies tut. Und wir alle kennen den Spruch, den wir Kindern beibringen:

Und wenn alle vom Haus springen/aus dem Fenster springen, springst du dann mit?

Und tatsächlich würde nicht jeder Einzelne sich umbringen, insofern eine Gruppe um ihn herum sich umbringt. Weil: Jede Anpassung verliert ihren Wert, wenn höhrere Werte herangezogen werden, wie z.B. Freiheit, Gerechtigkeit oder Würde. Aufgrund jener Werte kann es zu Kritik an der Gruppe kommen und logischerweise dazu, das Verhalten der Gruppe in der Folge nicht zu übernehmen, sondern das Verhalten zu ignorieren oder sich gar dem Verhalten zu widersetzen.

Diese Tatsache ist AUCH eine Gesetzmäßigkeit des Menschen: Nicht so zu handen, wie die Masse, sondern nach dem, was für den Einzelnen „Sinn“ ergibt, was der Freiheit, der Gerechtigkeit oder der Würde des Menschen entspricht. Dieses Gesetz ist das Gesetz der Vernunft, das Gesetz, das in uns wirkt (oder wirken sollte), um Schaden von Menschen (oder Tieren) abzuwenden, wie John Locke schrieb:

Im Naturzustand herrscht ein natürliches Gesetz, das jeden verpflichtet. Und die Vernunft, der dieses Gesetz entspricht, lehrt die Menschheit, wenn sie nur befragen will, dass niemand einem anderen, da alle gleich und unabhängig sind, an seinem Leben und Besitz, seiner Gesundheit und Freiheit Schaden zufügen soll.

Jene Vernunft führt zur Moral und zur Ethik und diese finden wir z.B. in der „Zivilcourage“ wieder, wenn man z.B. als Einzelner einem Notleidenden hilft (vor allem, wenn alle ihn liegen lassen). Schön zu sehen, in der Werbung von Fielmann.

Vernunft geht einher mit Mut, sich alleine (oder mit Wenigen) gegen alle (oder gegen Viele) zu stellen, um gutes Handeln im Sinne der Ethik zu bewirken, v.a. insofern alle (oder Viele) sich nicht trauen, das Richtige zu tun. Diese Vernunft, das Richtige zu tun, trotz der Masse, ging einher, mit Freiheitskämpfern, wie Martin Luther King, mit Menschen, die sich im Kampf gegen das Schlechte gegen Autoritäten durchsetzen. Es müssen aber keine großen Persönlichkeiten sein. So kann es auch jedes Mädchen oder jeder Junge sein, wie z.B. der Junge „Fritz Johannsen“ im Film „Der Traum“. Er stellt sich alleine und nur mit der Hilfe eines Ersatzlehrers gegen einen Kinder verprügelnden Direktor und hat so die gesamte Klasse, eine Gruppe, gegen sich, die sich stets an die Regel, dass Kinder im Sinne der Erziehung verprügelt werden dürfen und sollten, angepasst hat. Wobei gesagt werden muss, das Fritz jene Gruppe, jene Klasse, später für sich gewinnt, womit das Prinzip, dass Einzelne an Gruppen sich anpassen sich umdrehen kann: Gruppen passen sich gelegentlich auch an Einzelne an, insofern sie überzeugen.

Diese Beispiele, der Junge mit dem Regenwurm in der Fielmann-Werbung, Martin Luther King oder Fritz im Film „Der Traum“. Sie haben alle eins gemeinsam: Sie agieren auf der Grundlage der Einstellung, dass es möglich ist, gegen den Willen der Gruppe zu handeln, insofern man glaubt, jene Gruppe handle falsch, menschenunwürdig, naiv oder ungerecht oder sonstwie unvorteilhaft. Diese Verweigerung ist in dem Sinne ein Unwille, der besagt, unter Umständen nicht das zu tun, was alle tun. So kann gesagt werden, dass es ggf. keinen freien Willen gibt, sehr wohl aber einen freien Unwillen, der es uns ermöglicht, etwas nicht zu tun, wenn man glaubt, dass das, was alle tun unvorteilhaft oder moralisch, rechtlich oder politisch nicht zu vertreten ist.

Jeder könnte vom Prinzip des freien Unwillens Gebrauch machen. Was man für jenen Gebrauch benöigt, wäre Mut. Man bräuchte Courage. Jene Courage wäre eine Abkehr von der Angst, im Falle des Unwillens, zu risikieren, nicht mehr Teil der Gruppe zu sein, nicht mehr beliebt zu sein, sondern der Querulant. Unwillen geht immer mit der Risikobereitschaft einher, ggf. ausgeschlossen zu werden, aber auch mit der Chance, das Richtige zu tun und die Welt gerechter, friedvoller und vernünftiger zu gestalten.

Fazit: Wir Menschen sind fähig, uns anzupassen. Wir sind aber auch fähig, uns jeder Anpassung zu widersetzen. Wir sind in dem Sinne flexibel. Wie wir uns jeweils verhalten ist abhängig davon, welches Wertesystem wir in uns verinnerlicht haben. Glauben wir an moralische oder politsche Prinzipen, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass wir uns nicht an eine Gruppe anpassen, die diesen moralischen oder politischen Prinzipien widerspricht. Wir passen uns aber an, wenn wir eine Gruppe treffen, die gleiche oder ähnliche vertritt, wenn wir Gleichgesinnte treffen.

In dem Sinne schließe ich mit Michel Foucault:

Kritik ist: die Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden. [...] “Nicht regiert werden wollen” heißt schließlich: nicht als wahr annehmen, was eine Autorität als wahr ansagt, oder jedenfalls nicht als wahr annehmen, weil eine Autorität es als wahr vorschreibt. Es heißt: etwas nur annehmen, wenn man die Gründe, es anzunehmen, selber für gut befindet.

Aus: Michel Foucault: “Was ist Kritik?“

© Copyright bei Udo Lihs, 2010




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