Warum verhalten wir uns so, wie wir uns verhalten? Während Anhänger der „geistigen Autonomie“ die Idee des „freien Willens“ betonen, die Idee, dass unser Verhalten persönlichen, frei gewählten Entscheidungen entspricht, die wir stets kraft unseres „freien Willens“ treffen, betonen Anhänger der „Determination“, dass alles und somit unser Handeln von Ursachen abhängt, von Strukturen, die uns umgeben. Pädagogen behaupten, unser Verhalten ist das Produkt der Erziehung durch Eltern, Schule, Staat und Gesellschaft. Soziologen sagen, unser Verhalten ist das Resultat von Sachzwängen der Gesellschaft, Biologen und Mediziner behaupten, unser Verhalten wird von Genen, vom Hirn, von Hormonen (insb. bei Jugendlichen), von der Ernährung (insb. wenn wir Alkohol oder Drogen zu uns nehmen), kurz: vom Körper, gesteuert.
Psychologen sagen gelegentlich, daß wir uns von Gruppen, die uns umgeben, beeinflussen lassen und zwar dahingehend, dass wir uns der Gruppe und ihrem Verhalten anpassen. Wir verhalten uns so, wie die Gruppe um uns herum. Was zwangsläufig heißt, dass wir keine Einzelgänger, sondern Herdentiere sind. Das heißt im Endeffekt, dass Individualität eine Illusion ist, wie der freie Wille überhaupt. Somit ist das Ideal der Aufklärung, sich seines eigenen Verstandes ohne Anleitung Anderer zu bedienen, eine Illusion. Ist es so?
Roland Kopp-Wichmann geht mit jener These der Anpassung einher, wenn er auf persoenlichkeits-blog.de schreibt:
Danach achten wir genau darauf, was andere tun und richten danach oft unser Verhalten aus.
…oder wenn er schreibt:
Stellen Sie sich mit zehn Freunden in die Fußgängerzone und schauen Sie in den Himmel. Viele Leute werden es Ihnen gleichtun …
Kopp-Wichmann geht davon aus, dass man so Gutes tun kann. Man braucht nur eine Gruppe von Menschen, die Gutes tut und (fast) jeder um die Gruppe herum spielt mit. Wie schön, wenn es so einfach wäre! Ist es so? Ist der Mensch ein Herdentier? Und wenn ja: Ist das gut so?
Tatsächlich hat Roland Kopp-Wichmann teilweise Recht. Tatsächlich ist es oft (!) so, dass wir uns oft (!) an Gruppen, an Massen anpassen, insofern sich jene Anpassung bewährt hat. Im Restaurant verhalten wir uns so, wie alle sich im Restaurant verhalten. Das Gleiche gilt für alle weiteren öffentlichen Einrichtungen, wie z.B. im Kino (in dem wir alle still sind und in dem keiner redet, obwohl man ggf. gerne den Kinofilm kommentieren würde, wie man das zuhause mit Freunden vor dem Fernseher tut), im Bus (in dem man sich mit Freunden nicht unterhält, weil im Bus keiner was sagt, obwohl man sich sonst mit den Freunden rege austauscht), im Fußballstadion (in dem alle gröhlen und singen, in dem es unpassend wäre, nicht mitzugröhlen und nicht mitzusingen), oder im Schwimmbad (in dem jeder in Textil schwimmt, weil alle das tun, während am FKK-Strand alle nackelig im Wasser sich bewegen). Es wäre nicht immer ratsam, als Einzelner das Gegenteil von dem zu tun, was alle tun. In der Regel gilt man dann als Außenseiter, als Querulant, als jemand, der im Grunde stört, weil man „anders“ ist, weil man „nicht normal“ ist. Dabei könnte man als Einzelner ggf. gar verhaftet werden (z.B. wegen Hausfriedensbruch, Störung der öffentlichen Ordnung, Erregung öffentlichen Ärgernisses…). Es wäre „ziviler Ungehorsam“ und jener ist wirklich nicht immer sinnvoll und nicht immer effektiv, v.a. wenn man diesen als Einzelner vollzieht. Es ist wahrlich ein „beschissenes“ Gefühl, so „alleine“ mit sich zu sein und eine ganze Gruppe gegen sich zu haben, von Allen ausgrenzt und von der Polizei abgeführt zu werden.
Müssen wir uns also immer anpassen, um gute Menschen zu sein?
Bei Kopp-Wichmann geht unter, dass jene Anpassungsleistung
a) gefährlich sein könnte; Die unreflektierte, kritiklose Übernahme des Verhaltens der Gruppe, die uns umgibt, ist unter dem Gesichtspunkt des Politischen eine Form der Unterordnung und führt, insofern sie ganze Gesellschaften oder Staaten betrifft, zur Entindividualisierung des Einzelnen. Dies hat uns der Film „Die Welle“ stark vor Augen geführt. Die Bildung von Gruppen, in der sich jeder Einzelne an das Verhalten der Gruppe anpasst, steht im Widerspruch zur Demokratie und Freiheit, in der jeder seine Stimme erheben darf, in der jeder sein Veto einlegen kann und zwar jeder Einzelne. Das Prinzip „Anpassung“ sollte daher nicht prinzipiell angestrebt werden. Man kann mit dem Prinzip der Anpassung zwar Gutes, wie Kopp-Wichmann sagt, betreiben, sehr wohl aber auch Böses und Schreckliches.
Bei Kopp-Wichmann geht unter, dass die Leistung der Anpassung
b) dann nicht mehr funktioniert, wenn der Einzelne durch die Möglichkeit der Anpassung an die Gruppe keine Vorteile für sich (z.B. Verlust von Geld,…) oder moralische oder politische Ungrechtigkeiten sieht. Dann geht er auf Distanz zur Gruppe, ignoriert sie, umgeht sie und geht auf Abwehr zu ihr. Ein Schutzmechanismus! Wir passen uns nicht an, wenn unser Gewissen „Nein“ sagt. So ist es z.B. nicht so, dass jeder Einzelne sich an eine Demonstration von Nazis anschließt, nur weil eine Gruppe von Nazis an ihm vorbeimarschiert. Es ist auch nicht so, dass jeder am 1. Mai in Kreuzberg Steine gegen Polizisten schmeißt, nur weil eine Gruppe von Linksradikalen dies tut. Und wir alle kennen den Spruch, den wir Kindern beibringen:
Und wenn alle vom Haus springen/aus dem Fenster springen, springst du dann mit?
Und tatsächlich würde nicht jeder Einzelne sich umbringen, insofern eine Gruppe um ihn herum sich umbringt. Weil: Jede Anpassung verliert ihren Wert, wenn höhrere Werte herangezogen werden, wie z.B. Freiheit, Gerechtigkeit oder Würde. Aufgrund jener Werte kann es zu Kritik an der Gruppe kommen und logischerweise dazu, das Verhalten der Gruppe in der Folge nicht zu übernehmen, sondern das Verhalten zu ignorieren oder sich gar dem Verhalten zu widersetzen.
Diese Tatsache ist AUCH eine Gesetzmäßigkeit des Menschen: Nicht so zu handen, wie die Masse, sondern nach dem, was für den Einzelnen „Sinn“ ergibt, was der Freiheit, der Gerechtigkeit oder der Würde des Menschen entspricht. Dieses Gesetz ist das Gesetz der Vernunft, das Gesetz, das in uns wirkt (oder wirken sollte), um Schaden von Menschen (oder Tieren) abzuwenden, wie John Locke schrieb:
Im Naturzustand herrscht ein natürliches Gesetz, das jeden verpflichtet. Und die Vernunft, der dieses Gesetz entspricht, lehrt die Menschheit, wenn sie nur befragen will, dass niemand einem anderen, da alle gleich und unabhängig sind, an seinem Leben und Besitz, seiner Gesundheit und Freiheit Schaden zufügen soll.
Jene Vernunft führt zur Moral und zur Ethik und diese finden wir z.B. in der „Zivilcourage“ wieder, wenn man z.B. als Einzelner einem Notleidenden hilft (vor allem, wenn alle ihn liegen lassen). Schön zu sehen, in der Werbung von Fielmann.
Vernunft geht einher mit Mut, sich alleine (oder mit Wenigen) gegen alle (oder gegen Viele) zu stellen, um gutes Handeln im Sinne der Ethik zu bewirken, v.a. insofern alle (oder Viele) sich nicht trauen, das Richtige zu tun. Diese Vernunft, das Richtige zu tun, trotz der Masse, ging einher, mit Freiheitskämpfern, wie Martin Luther King, mit Menschen, die sich im Kampf gegen das Schlechte gegen Autoritäten durchsetzen. Es müssen aber keine großen Persönlichkeiten sein. So kann es auch jedes Mädchen oder jeder Junge sein, wie z.B. der Junge „Fritz Johannsen“ im Film „Der Traum“. Er stellt sich alleine und nur mit der Hilfe eines Ersatzlehrers gegen einen Kinder verprügelnden Direktor und hat so die gesamte Klasse, eine Gruppe, gegen sich, die sich stets an die Regel, dass Kinder im Sinne der Erziehung verprügelt werden dürfen und sollten, angepasst hat. Wobei gesagt werden muss, das Fritz jene Gruppe, jene Klasse, später für sich gewinnt, womit das Prinzip, dass Einzelne an Gruppen sich anpassen sich umdrehen kann: Gruppen passen sich gelegentlich auch an Einzelne an, insofern sie überzeugen.
Diese Beispiele, der Junge mit dem Regenwurm in der Fielmann-Werbung, Martin Luther King oder Fritz im Film „Der Traum“. Sie haben alle eins gemeinsam: Sie agieren auf der Grundlage der Einstellung, dass es möglich ist, gegen den Willen der Gruppe zu handeln, insofern man glaubt, jene Gruppe handle falsch, menschenunwürdig, naiv oder ungerecht oder sonstwie unvorteilhaft. Diese Verweigerung ist in dem Sinne ein Unwille, der besagt, unter Umständen nicht das zu tun, was alle tun. So kann gesagt werden, dass es ggf. keinen freien Willen gibt, sehr wohl aber einen freien Unwillen, der es uns ermöglicht, etwas nicht zu tun, wenn man glaubt, dass das, was alle tun unvorteilhaft oder moralisch, rechtlich oder politisch nicht zu vertreten ist.
Jeder könnte vom Prinzip des freien Unwillens Gebrauch machen. Was man für jenen Gebrauch benöigt, wäre Mut. Man bräuchte Courage. Jene Courage wäre eine Abkehr von der Angst, im Falle des Unwillens, zu risikieren, nicht mehr Teil der Gruppe zu sein, nicht mehr beliebt zu sein, sondern der Querulant. Unwillen geht immer mit der Risikobereitschaft einher, ggf. ausgeschlossen zu werden, aber auch mit der Chance, das Richtige zu tun und die Welt gerechter, friedvoller und vernünftiger zu gestalten.
Fazit: Wir Menschen sind fähig, uns anzupassen. Wir sind aber auch fähig, uns jeder Anpassung zu widersetzen. Wir sind in dem Sinne flexibel. Wie wir uns jeweils verhalten ist abhängig davon, welches Wertesystem wir in uns verinnerlicht haben. Glauben wir an moralische oder politsche Prinzipen, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass wir uns nicht an eine Gruppe anpassen, die diesen moralischen oder politischen Prinzipien widerspricht. Wir passen uns aber an, wenn wir eine Gruppe treffen, die gleiche oder ähnliche vertritt, wenn wir Gleichgesinnte treffen.
In dem Sinne schließe ich mit Michel Foucault:
Kritik ist: die Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden. [...] “Nicht regiert werden wollen” heißt schließlich: nicht als wahr annehmen, was eine Autorität als wahr ansagt, oder jedenfalls nicht als wahr annehmen, weil eine Autorität es als wahr vorschreibt. Es heißt: etwas nur annehmen, wenn man die Gründe, es anzunehmen, selber für gut befindet.
Aus: Michel Foucault: “Was ist Kritik?“
© Copyright bei Udo Lihs, 2010
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